Arndt
Von Freda Habe

An der Wand seines geräumigen Wohnzimmers hing seine blind gewordene Posaune. Arndt hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr gespielt. An die Zeit, als er noch ein anerkannter Musiker war, erinnerte er sich gerne. Besonders blickt er mit Freude und einigem Stolz darauf zurück, dass ihm einige wirklich gute Töne gelungen waren.
"Den Rest kannste vergessen", dachte er in sich hinein. Und damit war für ihn der Rest auch tatsächlich ausgelöscht, als hätte er ihn nicht gelebt.

Er wohnte in einer Villa am Rand der Stadt in mitten eines kleinen Parks mit hohen, alten Bäumen. Beide Nachbargebäude stellten ebenfalls große, repräsentative Wohnhäuser dar.
Hohe Räume mit hohen Fenstern waren zur Zeit ihrer Errichtung Ausdruck luxuriösen Lebensgefühls. Alle Häuser dieser Zeile an der Allee hatten dieses stolze, aufrechte und wirklich erhabene Aussehen.
Wann Arndt hier eingezogen war, wusste er nicht mehr. Jedenfalls war die Autobahnbrücke auf der anderen Straßenseite, die über das Bahngleis führte, schon da. Das Bahngleis wurde übrigens schon damals nicht mehr benutzt.

Unter der Brücke hatte ein Bahnbeamter sein Geld für ein kleines Einfamilienhaus verbaut. Er konnte jedoch nie einziehen, denn das Geld reichte nur bis zum Rohbau des Erdgeschosses. Nicht einmal für das Dach langte es. Seitdem war die Baustelle verlassen und es wurde dort niemand mehr gesehen.
Einen Steinwurf von seinem Haus entfernt lag ein verlassenes Industriegebiet in öder Wildnis mit dürrem, stoppeligem Gras und krüppeligen, niedrigen Büschen und Bäumen. Die inzwischen verrosteten, vom Wetter ausgewaschenen Stahlgerippe der toten Werkhallen und Lagerschuppen traten gegen den schimmernden, dunkelbraun gefärbten Abendhimmel als düstere Zeichnung hervor 
Arndt machte regelmäßig seinen Abendspaziergang und bemerkte nicht - er hatte sich daran gewöhnt -, dass er alleine unterwegs war. Auch an diesem Abend war niemand außer ihm auf der Straße anzutreffen, als der Himmel so dunkel war und das braune Schimmern in ihm die Angst hervorrief, dass in der Ferne die Welt brannte.
Es kam nie ein Auto vorbei, auch heute nicht. Nicht einmal auf der Autobahn hatte sich jemals ein Fahrzeug bewegt.
Auch in den Häusern, die ihm inzwischen durch seine Rundgänge so vertraut waren, regte sich kein Leben. Sie waren schon lange zu Ruinen geworden. Ihre damalige Schönheit und Eleganz war jedoch noch zu erkennen. Das aber hatte keine Bedeutung mehr.
Dieser Teil des Stadtgebietes hatte offenbar insgesamt aufgehört zu existieren. Daher gelangte wohl auch niemand mehr hierher, es sei denn, was aber nicht zutraf, es wäre jemand dort geblieben, während der Teil der Stadt begann, in Vergessenheit zu geraten. Oder es wäre jemand wie Arndt damals mit dem Schiff über den Berg dorthin gelangt. Er wusste auch nicht, dass ihn jemand auf dieser Reise begleitet hätte.

Als er endlich von seinem Rundgang nach Hause kam, spürte er die feuchte Kälte des Abends und schloss die Fenster. Er registrierte nicht, dass in den Fenstern längst keine Scheiben mehr waren.
Um dem Abend etwas Wärme zu geben und um ihn aufzuhellen, zündete er eine Kerze an. Die Flamme aber blieb bleiern grau und kalt, so dass er sie schließlich auslöschte und sich zum Einschlafen der Wand zu drehte. Der Schmerz, der seinen Leib durchdrang, war heftiger als gewöhnlich. Er glaubte, innerlich zu verbrennen.
Arndt träumte nicht oft, aber heute Nacht sah er sich auf der Bühne und hörte, wie er sein Solo spielte. Er erinnerte sich, dass er in seinem Leben einige wirklich gute Töne hervorgebracht hatte. Aber dass er so gut Posaune blasen konnte, hatte er sich nicht zugertaut. Die Klänge waren für ihn wie die Offenbarung seines ewigen Zuhauses.

Das Martinshorn des Rettungswagens wurde abgestellt. Die Männer legten den toten Arndt, der unter der Autobahnbrücke an einem Pfeiler lag, auf die Bahre und schoben ihn in den Wagen.
Als sie wieder auf der Straße angelangt waren, gaben sie die Meldung durch und fuhren ohne Martinshorn zur Station zurück.