Flaschenpost aus der Milchstraße
Von Freda Habe


Wieder einmal war ich mit meinem Hund Rudi am Kanal spazieren. Es war schon Abend und die Sterne zeigten da und dort bereits ihr Glitzern.
Ich ging an den Anglern vorbei, die in Erwartung eines besonderen Fangs an diesem Winterabend das Ufer säumten.
Rudi, ein wenig tagesmüde, trottete vor mir her, wie immer sein Stöckchen quer im Maul. Von Zeit zu Zeit legte er es ab mit der Aufforderung an mich, es erneut als Jagdbeute für ihn auszuwerfen. Um ihm eine Abkühlung zu verschaffen, schmiss ich den Stock bei einer kleinen Bucht ins kalte Wasser und Rudi sprang unverzüglich hinterher, was einen lauten Platscher in der Stille verursachte.
Unmittelbar neben der Stelle, wo Rudi wieder ans Ufer hinauf kletterte, befand sich eine kränkelnde Eiche, die als Eckpfosten einer Einzäunung diente.
Der Hund schüttelte das Wasser aus dem zottigen Fell, so dass es heftig umher spritzte. Ich musste einige Schritte zur Seite machen, um nicht nass zu werden. In der anderen Ecke der Bucht, die ich bis dahin nicht beachtet hatte, zog ein kleiner Behälter meine Aufmerksamkeit auf sich. Er dümpelte inmitten von Treibholz und im Wasser.
Er erschien mir in der Dunkelheit und trotz des Drecks, der an ihm klebte sehr hell, wie von einer unsichtbaren Lichtquelle angestrahlt oder schwach von innen heraus in türkisfarbenem Licht leuchtend.
Es schauderte mich ein wenig vor dem Unbekannten, was mich aber nicht davon abhielt, neugierig den Kanister, als welcher sich das Gefäß besser bezeichnen ließ, aus dem Wasser zu heben.
Ich verbarg ihn, der mir sonderbar leicht vorkam, sofort unter meinem Mantel und trug die noch immer leuchtende Beute wie ein Dieb auf kürzestem Wege nach Hause. Denn es galt nun zu vermeiden, dass mich jemand für einen verspäteten, irren Martinigänger ausmachen würde, der seine Laterne unter dem Mantel versteckt hielt.
Natürlich war ich aufgeregt und voller Erwartung wie ein kleines Kind beim Auspacken eines Geschenkes, als ich den Kanister unter fließendem Wasser abspülte, um ihn vom Dreck des modrigen Kanalwassers zu befreien.
Da, es erschien ein makelloser, wie Alabaster schimmernder Körper, dessen Schönheit und rätselhaftes, inneres Licht, das mir nun heller als zuvor erschien, mich in Erstaunen und Bewunderung versetzten. Er war mit den Begriffen der Stereometrie nicht zu beschreiben. War er nun ein Würfel ohne Kanten oder eine Kugel mit geraden Flächen? Noch heute kann ich ihn nicht genau beschreiben.
Ein Kanister muss doch etwas beinhalten, und so suchte ich nach einer Möglichkeit, ihn zu öffnen. Ich unternahm alle Anstrengungen, fand aber weder einen Deckel, noch eine Naht, keine Überlappung, die mir Zugang zum Inneren gewährt hätte. Ich drehte und wendete die Form, deren Leuchten immer heller zu werden und deren Gewicht mehr und mehr abzunehmen schien.
Während ich das gewichtlose und strahlende Ding schließlich in Staunen versunken vor mir in den Händen hielt, bemerkte ich, dass sich auch alles um mich her, der Raum, in dem ich mich befand, wundersam ordnete und ebenso wie der Kanister hell zu leuchten und zu strahlen begann. Mir war, als öffneten auf einmal die Wände des Kanisters, indem sie sich wie auf Geheiß aufgelöst zeigten. Dem Inneren entströmte nun ein wundersamer, unbeschreiblich schöner Duft. Ich fühlte mich verzaubert und beschenkt von wohliger Frische, von Freiheit und Geborgenheit.

Ich wagte nie, mit irgendjemandem darüber zu sprechen, zumal ich nicht einmal mehr weiß, wie ich an diesem Abend ins Bett fand. War denn etwas Ungebührliches mit mir geschehen? Und zu aller Rätselhaftigkeit: Wo war um Himmels Willen am nächsten Morgen der Kanister geblieben? Er war spurlos verschwunden! Selbst Rudi, mein Kamerad mit nahezu unbegrenztem Spürsinn, konnte mir bei der Suche und Sicherung des Beweisstückes nicht helfen.
Somit musste ich befürchten, dass jeder, dem ich mein Erlebnis mitteilen würde, mich für einen in die Irre geleiteten Erweckten halten würde.

Ich hätte auch weiterhin geschwiegen, wäre nicht ein Freund auf ein Glas Wein zu Besuch gekommen, der mir eine außergewöhnliche Geschichte erzählte:
Er habe, so berichtete er, kürzlich in einer für ihn sehr bedeutsamen Angelegenheit einen Anruf auf seinen Anrufbeantworter erhalten. Der Anrufer habe jedoch keinerlei Hinweis darüber hinterlassen, wie er seinerseits zu erreichen sei, also weder Telefonnummer, noch Adresse, noch sonst irgendetwas. Auch habe der Anrufer kein weiteres Mal versucht, ihn zu erreichen. Zu allem Unglück sei der Anruf auch von unkundiger Hand später gelöscht worden, wodurch ihm das Beweisstück abhanden gekommen sei, dass überhaupt jemand angerufen habe.
Bei näherer Nachfrage wusste mein Freund nicht einmal mit Sicherheit zu sagen, wer denn der Anrufer gewesen sei. Er schlussfolgerte schließlich, und beendete damit die nutzlose Rätselei, bei der unerklärlichen Nachricht müsse es sich wohl um eine Flaschenpost aus der Milchstraße gehandelt haben.

Aha, darauf hatte ich doch nun schon so lange gewartet. Endlich wusste ich, dass ich nicht alleine auf der Welt war mit meinem unerklärlichen Erlebnis. Flaschenpost aus der Milchstraße - ja, das muss es wohl auch bei mir gewesen sein. Eine fürwahr beglückende Erkenntnis.

Während ich dies nun mutig hier aufschreibe, winselt Rudi zu mir heran: „Komm, Alter, es ist Zeit, lass uns wieder Stöckchen jagen!“