Der Seehund von Freda Habe Warnend war die ältere Dame zu hören: "Dort schwimmt ein Seehund, seid bloß auf der Hut!" Die Worte waren an ein junges Ehepaar gerichtet, das einen wohlausgestatteten Kinderwagen mit allem Komfort für das darin liegende Baby vor sich her schob. Und tatsächlich, nicht weit vom Ufer entfernt erhob ein Seehund seinen Kopf aus den sanft wogenden Wellen des Meeres. Das Ehepaar gesellte sich zu einer kleinen Gruppe von Badegästen und Spaziergängern, die das seltene Schauspiel eines in Sichtweite auftauchenden Seehundes bewunderte. Er blickte gelassen und mit einem kaum als Neugier zu bezeichnenden Interesse herüber. Deutlich zeichneten sich seine dunklen Augen und Nasenspitze vom dunkelgrau gescheckten Fell ab, was den zuschauenden Menschen einen Ausruf von Rührung und Zuwendung entlockte. Dann taucht er ab und verschwand für eine Weile unter der Wasseroberfläche. "Nun ist er fort!", war zu hören. Und schon war er wieder aufgetaucht und richtete seinen Blick wie zuvor auf die Menschengruppe. Der Ausdruck seines Blickes hatte für die Menschen auf dem Sandstrand vielleicht sogar auch etwas Schockierendes. Seine Gelassenheit nämlich könnte ihnen etwas zeigen, was sie verloren hatten: Sie wussten nur zu wenig von der Welt, in der unser Seehund zu Hause war. Sie war tief, dunkel, schweigsam, unendlich. Ja, das wussten sie. Aber was es bedeutete, dass diese Welt tief, dunkel, schweigsam, unendlich ist, das wussten sie nicht. Vielleicht war es das, was ihnen abhanden gekommen war: Zu wissen, was es wirklich bedeutete. War es das, was sie so schockierte, anrührte und wohin sich ihre Sehnsucht wendete, wenn sie Zärtlichkeit für dieses Tier empfanden? Der Wind blies kräftig und hatte sogar an Stärke zugenommen. Wie eine Erscheinung tauchte da eine riesig große Möwe auf. Ihre weit ausgespannten Flügel waren wie dünn geschliffener Alabaster von der Abendsonne durchleuchtet und schimmerten geheimnisvoll. Sie nutzten den starken Wind zum Gleitflug, der sie bewegungslos über der Gruppe schweben und verweilen ließ. Nur der Kopf mit dem dornartigen Schnabel wendete sich von der einen zur anderen Seite, um das Geschehen dort unten aufmerksam zu verfolgen. Die Gruppe nahm indessen keine Notiz von der Möwe. Es waren heute schon viele, einzelne und auch in großen Scharen hin und her geflogen, sodass niemand die Besonderheit dieses Vogels bemerkte. Das Ehepaar sorgte sich wegen des Windes um das Baby und klemmte die nach oben geklappte Haube des Kinderwagens in dieser Position fest. Plötzlich sprengte ein Pferd, das sich aus einer Reihe vorbei ziehender Strandreiter gelöst hatte, geradewegs auf die Gruppe zu. Die stämmigen Vorderbeine und die schweißnasse, braun schimmernde muskulöse Brust des Pferdes waren bedrohlich zwischen die Gruppe getreten und hatten Panik ausgelöst. Im letzten Augenblick jedoch, bevor das Unglück einsetzen würde, gelang es dem jungen Reiter, das wiehernde Pferd zurück zu reißen und zum Stillstand zu zwingen. Die ältere Dame schrie erschreckt in die Ereignisse hinein und verlor auf dem steilen Sandrücken, der soeben noch von einer gläsern funkelnden Welle überspült war, die Balance und fiel ins Wasser. Aus der verstörten Gruppe sprangen einige Beherzte, unter ihnen das Ehepaar, der Dame zu Hilfe, stützten sie und brachten sie, die in den herandrängenden Wellen schwankte, wieder ans feste Ufer. Der Seehund war unbemerkt in seine Welt hinabgetaucht. Inzwischen war der unbehütete Kinderwagen vom Wind schräg den abschüssigen Strand entlang und dem Wasser entgegen getrieben worden. Die Fahrt wurde durch die Wellen gebremst, jedoch der Wind griff rüttelnd an den Korb und in die Haube, sodass das Gefährt schließlich kippte und vom zurückströmenden Wasser erfasst und seewärts getrieben wurde. Die Möwe schien auf diesen Moment gewartet zu haben und stürzte wie ein Geschoss auf den Kinderwagen nieder, bohrte ihren Kopf tief in die Haube zum Baby hinein. Die Flügel schlugen aufgeregt hin und her, als wollten sie damit die Wucht des Niederstürzens noch verstärken. Da, vom Entsetzen erfasst, stieß der Vater des Kindes eilig herbei, wobei er mit den Armen fuchtelnd energischen Schrittes stampfend das Meerwasser zerteilte und das noch immer über dem Kinderwagen flatternde Tier mit gellendem Schrei einschüchterte. Endlich löste sich der Vogel vom Wagen und flog, schnell Höhe gewinnend, mit ihrer Beute im Schnabel, einem Stück Brot, davon. Mit der heftigen Bewegung eines Verzweifelten riss der Vater das Kind an sich, das sich aus der schützenden Haube des Gefährts gelöst und von der Pampers-Windel wie von einer Schwimmweste, allerdings kopfüber, an der Wasseroberfläche gehalten wurde. "Ein Arzt!" schrie er und legte das unordentlich verpackte, aber gerettete Baby auf den trockenen Strand. Nun war auch die Mutter heran gekommen, "mein Kind, mein Kind!" rief sie mit ausgestreckten Armen zu ihm hinab und nahm es auf. Glücklicherweise, es lebte und brüllte trief-nass sein Unglück heraus. Die Gruppe stand aufgeregt und besorgt um die Familie. Alle wollten dabei sein, helfen und trösten. Die Möwe war davon geflogen und nirgends mehr zu sehen. Überall waren schon wieder andere Möwen hin und her über dem Strand und dem Meer. Das Pferd war zu den übrigen Reitern zurückgekehrt, die ihren Ritt schon weit fortgesetzt hatten. Wieder einmal aufgetaucht schaute der Seehund mit seinen dunklen Augen wie aus einer anderen, fernen Welt zur Gruppe herüber, gelassen, vielleicht neugierig, und, wie es schien, irgendwie nachdenklich. Dort bemerkte ihn niemand. |
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